Besuch aus Brasilien hinterlässt tiefe Betroffenheit
„Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und der Rechtssicherheit für traditionelle Bevölkerungsgruppen im amazonischen West-Pará“
Es war kein heiterer Brasilianischer Abend, sondern ein von Betroffenheit gezeichneter Vortrag, den Padre Portes vor über 50 Zuhörer im Gemeindezentrum St. Wolfgang hielt. Auf Einladung des Eine Welt Vereins Dieburg und des Arbeitskreises Miguel Cuoto berichtete der Gast aus Brasilien, der auf Einladung des katholischen Hilfswerks MISEREOR in Deutschland weilt, über seine Arbeit.
Der Bundesstaat Para (im Norden Brasiliens, im Amazonasgebiet) ist seit Jahren geprägt durch das enorme Spannungsfeld zwischen den durch die brasilianische Regierung vorangetriebenen, groß-industriellen Entwicklungsvorhaben wie Straßenbau, Bergbau, Staudammbauten sowie großflächige Exportlandwirtschaft und der dort lebenden traditionellen Bevölkerung. Dazu kommen illegaler Holzeinschlag, Landspekulation und Fälle von Korruption. Schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann die Militärregierung mit der Erschließung dieser damals noch dicht bewaldeten Region durch Viehzuchtgroßbetriebe und die Ansiedlung von Kleinbauernfamilien.
Diese Politik provoziert bis heute blutige Landkonflikte, denen vor allem Landarbeiter(innen) und Gewerkschaftsführer(-innen) zum Opfer fallen (in den letzten 20 Jahren über 200 Morde). Am Rio Tapajós, einem südlichen Zufluss des Amazonas, sollen jetzt sieben Staustufen gebaut werden. Der größte Staudamm wird 53 m hoch und 7608 m lang sein und einen Stausee von 123 km Länge erzeugen.
Bedroht davon sind mehrere Gemeinden und das indigene Volk der Munduruku. Eine der Gemeinden ist Pimental, ein Fischerdorf mit etwa 850 Einwohnerinnen und Einwohnern, das in den Fluten des Staudamms unterzugehen droht. Sehr eindrucksvoll schilderte Padre Portes von einer 108 Jahre alten Dorfbewohnerin, die ihm sein Leid und Verzweiflung klagte. Er zeigte Bilder von bereits unter Wasser stehenden Häusern und Straßen in der Gegend, wo solche Staudämme bereits errichtet wurden und nie eine Entschädigung gezahlt wurde.
Den Widerstand dagegen begleitet die CPT (Comissao Pastoral da Terra = Kommission für Landpastoral) Itaituba mit Unterstützung des dortigen Bischofs. Die Prälatur von Itaituba im Bundesstaat Para ist halb so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Der Bischof, Dom Frei Wilmar Santin, ein Karmelit aus Südbrasilien, zählt dort 13 Priester. Seit 2011 gibt es dort die CPT (die Landpastoral). Sie ist Partnerorganisation von MISEREOR.
Padre João Carlos I. Portes lebt und arbeitet seit 2007 in der Region. Er ist Pfarrer in Trinta und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Landpastoral Itaituba (CPT). Er hat die Konflikte aus der Region, d. h. Landkonflikte, Konflikte um Wasser, Morde und Sklaven ähnliche Arbeitsverhältnisse ins offizielle Konfliktbuch der CPT auf Bundesebene eintragen lassen. Padre Joao Carlos I. Portes arbeitet mit Landarbeiter(inne)n, Flussanwohner(inne)n, Kleinbauerinnen und -bauern und indigenen Bevölkerungsgruppen zusammen. Das gemeinsame Ziel ist es, den Zugang zu ihrem Land und zum Fluss Tapajós für die Menschen zu sichern und einen Beitrag zum Erhalt des sensiblen Ökosystems im Amazonasgebiet zu leisten. Viele Fragen und Unsicherheiten prägen die Arbeit mit den Menschen:
- Schaffen sie es, den geplanten Bau des Staudamms am Tapajós abzuwenden?
- Was wird aus den Frauen, Männern und Kindern in Pimental, dem kleinen Ort am Fluss Tapajos, in dem 850 Familien ihr Zuhause haben?
- Werden alle umgesiedelt?
- Wird es eine Entschädigung geben?
Keiner weiß es genau.
„Das Land am Tapajós gehört genau diesen Leuten, diesen Kleinbauern, den indigenen Bevölkerungsgruppen, die schon immer hier gelebt haben, um von dieser Erde und im Einklang mit der Schöpfung zu leben und nicht den Großinvestoren, die die ökonomischen Interessen in den Vordergrund stellen.“

Padre Joao Carlos I. Portes ist Pfarrer einer flächenmäßig sehr großen Pfarrei. Die einzelnen Gemeinden kann er in der Regel nur einmal im Jahr besuchen. Er erzählte von Morden und Morddrohungen, denen die Engagierten ausgesetzt sind. So etwa Bischof Erwin Kräutler, der ebenfalls gegen den Bau von Staudämmen am Amazonas kämpft, kann nur mit Bodyguards sein Haus verlassen. Besonders das Recht dessen zählt, der mittels Waffengewalt sich Recht verschafft.
Die Region Amazonien ist nicht etwa aufgrund ihrer klimaregulierenden Funktion in den Mittelpunkt des Weltinteresses getreten. Internationale Konzerne haben es längst auf die Ausbeutung der Naturreichtümer abgesehen, meist unter Missachtung von Sozial- und Umweltstandards. Dazu kommt der Bau von dutzenden Wasserkraftwerken, ohne dass sich die Bauunternehmen um Konsequenzen für die Menschen und ihre Mitwelt kümmern.
Der Weltöffentlichkeit wird vermittelt, alle Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung und deren Mitwelt seien getroffen. In Brasilien selbst sind der Rat für Indigene Völker (CIMI) der Bischofskonferenz und die Kommission für Landpastoral (CPT) allen möglichen Schikanen ausgesetzt und werden mit Prozessen überzogen, weil sie seit Jahren die Rechte der Ureinwohner oder Bauern verteidigen. Manche unserer Schwestern und Brüder haben ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt.
Wasserkraftwerke werden lautstark als „saubere“ Energiequellen gepriesen. „Wir aber stellen uns die Frage: Was heißt da „sauber“, wenn tausende Familien ihren Grund und Boden verlieren und bestenfalls in enge Fertigteilhäuschen zwangsumgesiedelt werden? Was heißt da „sauber“, wenn tausende Quadratkilometer tropischen Regenwaldes solchen Wahnsinnsprojekten zum Opfer fallen? Was ist da noch „sauber“, wenn die in der Verfassung festgeschriebenen Rechte der indigenen Bevölkerung missachtet, die Indios aus ihrem sozialen Gefüge gerissen und in ihrem Überleben bedroht werden?“ Europäische Turbinenhersteller verteidigen sich und verweisen auf milliardenschwere Aufträge und die damit verbundene Garantie von Arbeitsplätzen. Aber astronomische Gewinne und die Sicherung von Arbeitsplätzen machen die folgenschweren Eingriffe auf Mensch und Mitwelt noch lange nicht ethisch vertretbar. Jedes Unternehmen, das sich an diesen Projekten beteiligt, ist auch mitverantwortlich für die Verletzung von Menschenrechten und die damit verbundenen, nie wieder gutzumachenden Umweltschäden.
Auch auf die Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus nahm der Gast aus Brasilien Bezug. Der Papst weist darauf hin, dass „den Gemeinschaften der Ureinwohner mit ihren kulturellen Traditionen besondere Aufmerksamkeit zu schenken“ ist und erklärt: „Sie sind nicht eine einfache Minderheit unter anderen, sie müssen vielmehr die wesentlichen Ansprechpartner werden, vor allem wenn man mit Großprojekten in ihre Gebiete eindringt“. (LS 146) Wirtschaftliche Projekte, die Familien und Völker von Grund und Boden vertreiben oder in ihrem Überleben bedrohen, sind unmoralisch und ein eklatanter Verstoß gegen die Menschenrechte. Sie stehen im krassen Gegensatz zum Plan Gottes mit uns Menschen, der uns ALLEN ein Leben in Fülle verheißen hat.
Padre Portes rief die Zuhörer zum Handeln auf: Unterschriftenlisten lagen aus um eine Petition gegen den Bau des Staudammes zu unterzeichnen. Diese lagen, mit den dazu gehörenden Informationen, im Dieburger Weltladen aus. 63 Personen unterzeichneten.
Nähere Informationen zur Aktion sind hier zu finden.